Der Mann im Kühlschrank: Zur Rolle von Bucky Barnes im MCU

Dieser Artikel enthält Spoiler für „Civil War“!

Fast 17.000 Werke lassen sich unter dem Tag „Steve Rogers/Bucky Barnes“ auf AO3, einer der weltweit größten Seiten für Fanfiction finden. Es ist unmöglich, dass „Captain America“-Tag auf Tumblr zu durchsuchen, ohne eher früher als später auf Fanart zu stoßen, die Steve Rogers und seinem einstigen Jugendfreund beim Austauschen von mehr oder weniger jugendfreien Zärtlichkeiten zeigt. Selbst Joe Russo, einer der beiden Regisseure von „Captain America – Civil War“ teilt dem Empire Magazine in einem Interview mit, dass der Film eine „Liebesgeschichte zwischen Cap und Bucky“ sei.

Betrachtet man die Funktion, die James Barnes als Charakter innewohnt, ist diese Lesart auch nicht weit hergeholt: Bucky erfüllt über alle drei Captain America-Filme gängige Tropen, die normalerweise der in der Regel weiblichen Love Interest eines männlichen Protagonisten zugeschrieben werden.

„Und was ist mit Peggy Carter?“ kann man an dieser Stelle berechtigterweise fragen. Peggy und Steve hegen romantische Gefühle füreinander und hätten,  wäre Steve nicht für über 70 Jahre eingefroren gewesen eine großartige und liebevolle Beziehung geführt, das steht außer Frage.

Aber Peggy, und das macht sie zu so einer fantastisch geschriebenen Frauenfigur, erfüllt keine einzige der Tropen einer klassischen, nur in Beziehung zu dem Protagonisten agierenden Love Interest, sondern funktioniert und agiert als eigenständiger Charakter (an dieser Stelle: warum, ABC? Warum hast du Agent Carter abgesetzt?!)

Da aber selbst Captain America nicht ohne die Reproduktion klassischer Rollenmuster auskommen kann, findet die wahre Romanze nach traditionellem Hollywood-Muster im Subtext der Filme statt: zwischen dem großen Helden Steve Rogers und Bucky, der nicht nur Kindheitsfreund ist, sondern leider auch Damsel in Distress, wandelnder MacGuffin und armer, gebrochener Mann, der durch seine (platonische oder romantische, je nach Lesart) Liebe zu Steve wieder zu sich selbst finden kann. Sergeant James Barnes ist ein Badass, daran besteht kein Zweifel. Er prügelte sich mit den Bullies, die Steve vor dessen Transformation zum all-american Supersoldaten das Leben schwer machten. Er hat als Soldat des Howling Commandos diesen verdammten Krauts gezeigt, wo der Hammer hängt. Aber es war auch Bucky, der von Red Skull gefangen genommen und anschließend von Steve in einer heroischen Mission gerettet wird und somit als Damsel in Distress zu Steve Rogers’ Helden fungiert.

Auch als er in „Civil War“ erneut fälschlicherweise eines terroristischen Attentats bezichtigt wird, lässt Captain America alles stehen und liegen, um der Welt zu beweisen, dass Bucky unschuldig ist – und sich sogar gegen die Avengers stellt, seine Wahlfamilie. Dies kann sogar als Parallele gelesen werden auf eine Person, die Familie und Freundeskreis verlässt, weil sie sich in der Wahl ihrer Partner_in nicht bestätigt weiß. Die komplette Handlung von „The Winter Soldier“ lässt sich auf eine Prämisse zurückführen, dass der von HYDRA einer Gehirnwäsche unterzogene Bucky wieder zu sich selbst findet, und zwar durch Steves beschwörendes Wiederholen von Buckys Versprechen, “until the end of the line” bei ihm zu bleiben.

 

Jahrelange physische als auch psychische Konditionierung, Traumata, die Experimente einer schurkenhaften Nazi-Sekte – überwunden durch die Appelle von Steve Rogers, sich an die gemeinsam verbrachte Zeit zu erinnern. Im Kampf auf dem Helicarrier fleht Steve den Winter Soldier an, die Waffen nieder zu strecken, lässt sein Schild fallen und gibt sich den Schlägen des Winter Soldiers hin, welcher ihn anschließend in den Potomac River wirft – Um ihn kurz danach aus dem Wasser zu fischen. The Power of Love ist ganz schön mächtig. Selbst wenn es sich, wie Bucky-Schauspieler Sebastian Stan in bereits zitiertem Interview nur um platonisch-brüderliche Liebe handelt, wird in dieser Szene unbestreitbar dargelegt, welch große Rolle Steve in Buckys Leben gespielt hat.

Sowohl „The Winter Soldier“ als auch „Civil War“ führen der Zuschauer*in schmerzhaft vor Augen, wie beschädigt James Barnes eigentlich ist. Kein Wunder, der junge Mann wurde, wie bereits erwähnt, gefoltert, Gehirnwäsche unterzogen, seiner Erinnerungen beraubt, zu einem Assassinen ausgebildet, der Black Widow ebenbürtig ist. Es wird stark angedeutet, dass Steve einer der wenigen Faktoren ist, die sich positiv auf einen Genesungsprozess auswirkt.  In Fanfiction ist dies taken up to eleven. Die Implikationen des Hurt/Comfort-Szenario an sich schwanken von liebevoll bis erotisch (gerade in schlechten Fanfiction, in denen schwere emotionale Probleme schlicht mit einer Runde good old shagging in Luft aufgelöst werden können): Sei es der Trost durch die Mutter, die zur Schau gestellte Verwundbarkeit, die klischeebeladenen Bilder des Helden, dessen blutende Wunden von der Love Interest gereinigt werden, die gebrochene Frau, die in den starken Armen ihres Helden endlich sich gehen lassen kann – all diese popkulturell vermittelten Erzählmechanismen tauchen auf, denkt man sowohl an die Beziehung zwischen Bucky und Steve vor dessen Verwandlung in Captain America, als auch an Steves Versuche, den Winter Soldier wieder an seine Vergangenheit als Bucky zu erinnern.

Just look at this poor little kitten.

Buckys Rolle in „Civil War“ kann auch problematisch gelesen werden.

Da die Beziehung zwischen Bucky und Steve, wie dargelegt, mit zahlreichen Tropen aus dem Romance-Bereich besetzt ist, nimmt Bucky im Vergleich zu Steve die Rolle einer Love Interest ein, die außerhalb ihrer Beziehung zum Hauptcharakter über keine eigene Agenda oder Entwicklung verfügt.

Er ist ein wandelnder McGuffin, dessen Erscheinen die Handlung von „Civil War“ maßgeblich anstößt, aber darüber hinaus? Bucky ist sogar wieder einer Gehirnwäsche unterzogen worden, um die Agenda eines anderen auszustragen und anschließend wieder von Steve zärtlich an ihre gemeinsame Kindheit in Brooklyn erinnert und aus seinem Manchurian Candidate-Modus geholt zu werden.

Die klassische Geschlechterverteilung in Geschichten basiert auf dem Prinzip, dass Männer handeln und Frauen sind. Bedauerlicherweise wird dieses auch hier auf Bucky angewandt: seine Aufgabe ist es, die Geschichte ins Rollen zu bringen und anschließend von Steve beschützt und wieder zu sich selbst gebracht zu werden. Weder in “Winter Soldier” noch in “Civil War”

Wird er am Ende der Geschichte nicht mehr gebraucht, friert man ihn ein.

Die Beziehung zwischen Steve Rogers und Bucky Barnes ist ein, und auf der zwischenmenschlichen Ebene das tragende(s) Element aller drei “Captain America”-Filme. Aber wieso kann man ihm keine eigene Agenda geben? Nun, auch in den Comics ist James Barnes einer Gehirnwäsche unterzogen und zum Hydra-Agentten ausgebildet worden, aber das Comic bietet aufgrund seiner Form als Medium eine weit bessere Möglichkeit der Charakterentwicklung als drei zweistündige Filme. Die Comics geben uns die Möglichkeit, mehr über das Leben von Bucky außerhalb von Captain America zu erfahren.

Shippen wir Steve und Bucky, weil in den Filmen die ganzen, doch recht reaktionären Muster von (in der Regel heterosexuellen) Beziehungen reproduziert werden, und wir das Verhältnis der beiden so automatisch als ein (subtextuell) romantisches verstehen? Oder shippen wir einfach gerne attraktive Charaktere miteinander?

Jetzt gilt es abwarten und Tee trinken, bis Bucky wieder aus den Kühlschrank entlassen wird. Und dazwischen bleibt uns immer noch Tumblr.

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VERONIKA

Veronika Kracher ist Ex-Punkerin mit angehendem Hochschulabschluss, schlecht gelaunte Ideologiekritikerin und Magierin Level 11.Veronika mag Psychoanalyse, Literatur der Moderne, sechsstündige Videospielsessions und Kastrationsängste verursachen. Außerdem kann sie fließend die Simpsons zitieren und hat früher mal in der konkret, taz und Jungle World publiziert. Ihre Lieblingsbücher sind die "Minima Moralia" von Theodor Adorno und "Slammed in the butthole by my concept of linear time" von Chuck Tingle.